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EST! - Evaluation der Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen

Auftraggeber

Bayerisches Landesjugendamt (BLJA) und Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen

Projektträger

IKJ Institut für Kinder- und Jugendhilfe gGmbH

Laufzeit

5 Jahre vom 01.04.2003 bis 31.03.2008

Beteiligte

  • 11 Jugendämter in Bayern
  • 244 Kinder und Jugendliche und Ihre Familien

Projekthintergrund

Ausgangspunkt sind die vom Bayerischen Landesjugendamt entwickelten und im Jahr 2001 veröffentlichten „Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen“. Die Diagnose-Tabellen sollen vor der Hilfeentscheidung eingesetzt werden und dem Mitarbeiter im Jugendamt ein umfassendes Fallverstehen ermöglichen. Mit dem Einsatz der Diagnose-Tabellen soll die Entscheidung, welche Hilfe die angemessene und die beste für den jungen Menschen ist, erleichtert werden und qualitativ fundierter erfolgen.

Projektauftrag

Im Projekt soll die Grundhypothese überprüft werden, ob die Hilfe für den jungen Menschen unter Anwendung der Diagnose-Tabellen tatsächlich erfolgreicher verläuft als ohne. Diese Grundannahme wurde mit einer aufwendigen prospektiven Kontrollgruppenstudie überprüft. Die Erkenntnisse der Studie sollten ebenfalls dazu genutzt werden, die Tabellen zu verbessern und für den Alltag im Jugendamt handhabbarer zu gestalten.

Projektergebnisse

Die Tabellen erwiesen sich im Rahmen einer testtheoretischen Analyse als hoch reliables (zuverlässiges) und valides (gültiges) Diagnoseverfahren, das die Risiken und Ressourcen der Bereiche „Erleben und Handeln des jungen Menschen“ und „Erziehungs- und Entwicklungsbedingungen des jungen Menschen“ umfassend beschreibt. Allerdings führte die getestete EDV-Fassung, in der sämtliche 664 Items beantwortet werden mussten, zu einem Mehraufwand von einer Stunde. Für die Gruppe der weniger erfahrenen ASD-Fachkräfte stellen die Tabellen aber eine Strukturierungshilfe dar. Aus Sicht der ASD-Mitarbeiter werden die Tabellen als weniger zuverlässig und nützlich als die alternativ eingesetzten Verfahren wahrgenommen. Diese Einschätzung steht aber in keinem Zusammenhang zu den tatsächlich festgestellten Wirkungen. Mit dem Einsatz der Diagnose-Tabellen wird eine tendenziell höhere Zuweisungsqualität erreicht: In 74% der Fälle gelingt es, die geeignete Hilfeart zu wählen (Kontrollgruppe 69%).
Neben diesen Ergebnissen zur Nutzung der Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen im Jugendamt erfasste die prospektive Evaluation auch die Auswirkungen auf den Verlauf der ausgewählten Hilfen. Der Einsatz der Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen führt tendenziell zu effektiveren Hilfen. Dies wird durch eine signifikant erfolgreichere Reduzierung der Defizite erreicht. Berufsanfängern gelingt es mit dem Einsatz der Tabellen das Effektivitäts-niveau ihrer erfahrenen Kollegen zu erreichen. Die subjektive Zufriedenheit der beteiligten jungen Menschen und Familien fällt dagegen uneinheitlich und ihre Partizipation und Kooperation geringer aus. Die Anwendung der Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen hat teurere, aber auch nachweislich effektivere Hilfen zur Folge, sodass eine tendenziell höhere Effizienz der Hilfen erreicht wird. Zudem werden weniger Anschlusshilfen notwendig, was langfristig eine bessere volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Relation begünstigt.
Mit den Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen hat das Bayerische Landesjugendamt ein Instrumentarium der Bedarfsfeststellung vorgelegt, das Risiken und Ressourcen der Entwicklung und Erziehung eines jungen Menschen systematisch beschreibt und sie für die Hilfeplanung sowie für effektivere und effizientere Hilfen nutzbar macht. Aus der Evaluation wurden für den zukünftigen Einsatz eine Reihe von Empfehlungen abgeleitet. So sollte eine Feststellung der Kindeswohlgefährdung vorangestellt und das Instrumentarium unter Berücksichtigung der testtheoretischen Ergebnisse komprimiert werden, um einen effizienteren Einsatz zu ermöglichen. Wenn es gelingt, die Sozialpädagogischen Diagnose-Tabellen strukturell im Jugendamt zu verankern und in den Hilfeprozess zu integrieren, können sie aber durchaus als ein effektives Standardverfahren zur weiteren Qualifizierung der Kinder- und Jugendhilfe beitragen.

Abschlussbericht

Projektleitung: Gabriele Paries