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InHAus

Evaluation Individualpädagogischer Hilfen im Ausland

Auftraggeber

Das Projekt wurde mit Mitteln der Stiftung Aktion Mensch gefördert.

Projektträger

Träger des Projekts war der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e. V. (BvkE).
Die operative Durchführung des Projekts lag beim Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ).

Laufzeit

Die Laufzeit des Projekts betrug 2 ½ Jahre.

Beteiligte

An der Untersuchung haben sich 11 Einrichtungen mit insgesamt 93 Kindern und Jugendlichen beteiligt.

Projekthintergrund

Individualpädagogische Hilfen im Ausland werden hauptsächlich für Jugendliche angefragt, die einen langen Weg des „Scheiterns“ hinter sich haben. Beginnende Kriminalisierung, Drogenkonsum, Prostitution, (Auto-)Aggressionen und Schulabbrüche sind einige der individuellen Merkmale, die diese Jugendlichen charakterisieren. Schätzungen zufolge wurden zum Zeitpunkt des Projektstarts ca. 500 bis 1.000 deutsche Kinder und Jugendliche im Ausland durch individualpädagogische Hilfen betreut. In der Regel evaluierte jeder Träger seine Tätigkeit in eigener Regie, woraus sich auf Grund der Spezifität der jeweiligen Untersuchung keine allgemeingültigen Wirksamkeitsaussagen ableiten lassen. Den wenigen durchgeführten einrichtungs- und trägerübergreifenden Untersuchungen fehlten darüber hinaus neben standardisierten Erhebungsinstrumentarien insbesondere die aus evaluationsmethodischer Sicht wichtigen Vergleichs- bzw. Kontrollgruppen, um gefundene Effekte auf die Durchführung der untersuchten individualpädagogischen Maßnahmen zurückführen bzw. im Vergleich zu anderen pädagogischen Maßnahmen einschätzen zu können. Außerdem fehlten grundsätzliche Informationen über die Effizienz, also die Kosten-Nutzen-Relation der durchgeführten Maßnahmen.

Projektauftrag

Mit dem Projekt „InHAus“ wurden vorrangig die folgenden Ziele verfolgt:

  1. Evaluation individualpädagogischer Hilfen im Ausland mit der Fokussierung auf dem Bereich Effektivität und einem Vergleich mit alternativen Angeboten aus dem Spektrum der erzieherischen Hilfen
  2. Analyse von Indikationen und Wirkfaktoren individualpädagogischer Auslandsmaßnahmen und Erarbeitung empirisch abgesicherter Erkenntnisse über eine Erfolg versprechende Hilfedurchführung
  3. Evidenzbasierung notwendiger Mindeststandards für Auslandsprojekte durch empirische Analyse ihrer spezifischen Bedeutung für die Effektivität der Maßnahmen
  4. Analyse der Effizienz individualpädagogischer Auslandsmaßnahmen auf betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Ebene

Projektergebnisse

Klientelbeschreibung

Mit Hilfe eines speziell für die Untersuchung zusammengestellten Erhebungsinstrumentariums wurden bei 11 Trägern längsschnittliche Daten über insgesamt 93 Hilfedurchführungen im Ausland prospektiv erhoben und statistisch analysiert. Um dabei gefundene Effekte fundiert bewerten und einordnen zu können, wurden die Ergebnisse der Auslandsstichprobe mit zwei in ihrer Ausgangslage parallelisierten Kontrollgruppen verglichen und auf statistisch bedeutsame Unterschiede hin analysiert:

  1. mit einer Gruppe mit stationärer Hilfedurchführung nach § 34 SGB VIII,
  2. mit einer Gruppe mit individualpädagogischer Hilfedurchführung im Inland nach § 35 SGB VIII.

Bezogen auf die bei Hilfebeginn vorliegenden Ressourcen wiesen die Jugendlichen der Untersuchungsgruppe insgesamt ein sehr gering entwickeltes Ausgangsniveau auf. Umgekehrt fielen sowohl die Anzahl vorliegender psychischer bzw. psychosozialer Problemlagen als auch die Schwere der Defizitgesamtbelastung extrem hoch aus. Neben vorwiegend externalisierenden Problemlagen, wie z. B. dissozialen und aggressiven Verhaltensweisen sowie Aufmerksamkeitsdefiziten (in Einheit mit Impulsivität bzw. motorischer Unruhe) lagen dabei auch eher internalisierende Problemlagen, wie z. B. soziale Unsicherheit oder depressive Verstimmungen, in großer Häufigkeit vor. Bei durchschnittlich mehr als 9 unterschiedlichen Symptomen und einem extrem hohen Anteil an straffälligen bzw. Drogen konsumierenden Jugendlichen wies die Auslandsstichprobe somit zu Hilfebeginn eine sehr komplexe und heterogene Defizitlage auf, die besondere Anforderungen an die pädagogische Arbeit der Betreuungspersonen und ihre unterstützenden Helfersysteme stellt.

Fachliche Standards

Die erfassten pädagogischen Hilfen im Ausland wurden zunächst daraufhin untersucht, inwiefern die von unterschiedlichen Stellen formulierten fachlichen Empfehlungen und Richtlinien tatsächlich umgesetzt wurden. Dabei ist erkennbar, dass die geforderten Hilfestandards nur in wenigen Bereichen durchgängig eingehalten worden sind: Während die Jugendlichen vor Beginn des Auslandsaufenthalts in fast allen Fällen auf ihre Eignung geprüft worden sind (94 %), wurde die soziale Reintegration der Jugendlichen für die Zeit nach dem Auslandsaufenthalt lediglich in etwas mehr als der Hälfte aller Fälle (57 %) vorab geplant. Auch das geforderte Treffen zwischen Jugendlichen und Betreuer(inne)n fand nur in knapp über der Hälfte aller Hilfen statt (57 %). Besonders bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass auch das vom Gesetzgeber im Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz (KICK) formulierte Fachkräfteprinzip nur in rund drei Viertel der untersuchten Fälle (76 %) umgesetzt wurde. Während der Auftrag zur Steuerung und Qualitätssicherung der Hilfen in Form persönlicher Besuche vor Ort von den Jugendhilfeeinrichtungen insgesamt sehr ernst genommen wurde (im Mittel drei Besuche pro Jahr), hat das Jugendamt seine Kontrollpflicht erheblich vernachlässigt: In mehr als der Hälfte aller Fälle (56 %) war der fallverantwortliche Jugendamtsmitarbeiter im gesamten Hilfeverlauf kein einziges Mal persönlich am Betreuungsort. Der Pflicht zur Zusammenarbeit mit Behörden sowie deutschen Vertretungen im Gastland kamen die Leistungserbringer vor und während der Hilfe nur in rund drei Viertel aller Fälle nach (76 %).

Ergebnisqualität

Insgesamt zeigt sich für die Auslandsstichprobe ein deutlich höherer Gesamteffekt als für beide Kontrollgruppen. Dieser höhere Gesamteffekt setzt sich zusammen aus einer Vielzahl verschiedener positiver Entwicklungen: So ist z. B. bei den individuellen Ressourcen der Jugendlichen der InHAus-Stichprobe übergreifend über die verschiedenen untersuchten Ressourcenbereiche ein statistisch signifikant höherer Zuwachs zu erkennen als in beiden Kontrollgruppen. Auch bei den vorliegenden Problemlagen der Jugendlichen fällt die Gesamtentwicklung über den Hilfeverlauf hinweg in der InHAus-Stichprobe statistisch nachweisbar am positivsten aus. Insbesondere im Bereich der schulischen Leistungsfähigkeit kommt es in der InHAus-Stichprobe zu einer nachweisbar positiveren Entwicklung und auch der Grad der individuellen Zielerreichung der über den gesamten Hilfeverlauf hinweg formulierten Hilfeplanziele liegt in der InHAus-Stichprobe deutlich über dem in beiden Kontrollgruppen. Auch wenn negative Entwicklungen im Einzelfall nicht ausgeschlossen sind, zeigen damit die Be-funde der Studie, dass individualpädagogische Hilfen im Ausland für eine spezielle Gruppe von Jugendlichen eine sinnvolle Hilfeform darstellen können.

Wirkfaktoren

Als insgesamt stärkster Wirkfaktor für eine erfolgreiche Durchführung von Auslandsmaßnahmen erweist sich die Kooperation der jungen Menschen. Ebenfalls einen starken Einfluss auf den Hilfeerfolg hat der Zeitraum der Hilfedurchführung: Mit zunehmender Dauer könnten größere Zuwächse bei Ressourcen sowie ein stärkerer Abbau von Problemlagen erreicht werden. Darüber hinaus ist auch eine vor Beginn des Auslandsaufenthalts durchgeführte fachlich fundierte Planung der Reintegration der Jugendlichen für die Zeit nach Beendigung ihres Auslandsaufenthalts von großer Bedeutung. Ein durchgeführtes Verlaufscontrolling des Jugendamts in Form von persönlichen Besuchen vor Ort sowie die Zusammenarbeit mit Behörden im Gastland hat ebenfalls einen direkten Einfluss auf den Hilfeerfolg. Die Durchführung der Betreuung durch (formale) Fachkräfte reduziert außerdem nachweisbar die Gefahr eines vorzeitigen Hilfeabbruchs.

Effizienz

Die ermittelten Gesamtkosten der individualpädagogischen Hilfen im Ausland liegen mit durchschnittlich knapp 96.000 € deutlich über denen beider Kontrollgruppen. Trotz dieser insgesamt höheren Kosten fällt die Kosten-Nutzen-Bilanz der untersuchten Auslandshilfen aufgrund ihrer hohen Effektivität jedoch insgesamt positiv aus: Dem im Rahmen der Datenauswertung angewendeten volkswirtschaftlichen Modell zufolge steht diesen Investitionen für individualpädagogische Auslandshilfen ein langfristiger volkswirtschaftlicher Nutzen in Höhe von rund 625.000 € gegenüber. Dies entspricht einem Kosten-Nutzen-Verhältnis von ungefähr 1:6,5 – ein investierter Euro rechnet sich für den Staat demnach langfristig mit 6,50 €.

Publikationen

Zum Abschluss des Projekts ist im Lambertus Verlag ein Buch mit dem Titel „InHAus - Individualpädagogische Hilfen im Ausland: Evaluation, Effektivität, Effizienz“ erschienen. Darin werden die Ergebnisse des Projekts umfassend dargestellt.

Klein, J./Arnold, J./Macsenaere, M. (2011). InHAus – Individualpädagogische Hilfen im Ausland: Evaluation, Effektivität, Effizienz. Freiburg: Lambertus. ISBN 978-3-7841-2045-4.

Eine Zusammenfassung der zentralen Projektergebnisse können Sie hier herunterladen. [Link zum angehängten PDF „Statements_Macsenaere_Klein_Endversion“]

Projektleitung

Joachim Klein (IKJ)